Mittwoch, Mai 5th, 2010
Wohnen im Hostel hat zwei entscheidende Vorteile auf Reisen: a) ist es günstig und b) kann man dort auch noch Zimmer mieten, wenn ganz Vancouver wegen des BMO Vancouver Marathons und wegen diverser Groß-Konferenzen ausgebucht ist.
Wohnen im Hostel heißt aber auch, sich dieser ganz speziellen Hostel-Atmosphäre hingeben zu dürfen/müssen. Und: Nein, auch wenn man ein Doppelzimmer mit private bathroom wählt, kann man dem ganz eigenen Charme dieser Unterkünfte, die die Jugend der Welt zusammenbringen, nicht entgehen.

Der Betrieb in Hostel-Frühstücksräumen ist dabei bunt wie die Gästeschar, die sich hier morgens nach langen pub crawls, Gitarren-Schmettereien in der Hostel-Lounge oder sonstigen coolen Nachtbeschäftigungen vor dem Start in den neuen Tag trifft - und die Wandfarbe ist Programm.
Am sehenswertesten aber ist, was der Dress-Code in Hostel-Frühstücksräumen hervorbringt - und der kann es mühelos mit dem einer Bad-Taste-Party aufnehmen.
Barfuß gehen ist zum Beispiel sehr cool in Hostelfrühstücksräumen. Ups, in einen Marmeladenklecks getappst? Macht nix! So kann man doch auch viel besser mit den Fußsohlen die im Umkreis verstreuten Toastkrümel aufnehmen!
Fortschrittlich und kurz vor Laufstegreife ist, wer wenigstens ausgelatschte Flipflops an den Füßen trägt - und schließlich kann man damit ein wenig Sand aus Aquitanien und den Staub von Guatemala-City in das Frühstückszimmer tragen.
Für manche ist der frühe Morgen auch wirklich noch zu früh, um die Anstrengung zu unternehmen, einen BH anzuziehen. Und als Beinkleid muss halt dann manchmal eine Unterbuxe mit lustigen Mickymäusen, die sich als Shorts tarnt, herhalten - reicht doch?
Fortschrittlich, ganz nah an den Topmodels und vor allem arschcool sind die, die im Schlafanzug auflaufen - why not? Eine leiernde Frottee-Variante mit aufgedrucktem Planetensystem war diesmal unser Favorit.
Und die Haare! Kämmen? Wohl Zeitverschwendung! Und die Out-of-Bed-Frisur steht doch den meisten eh am besten.
Man muss sich auch nur ein ganz klein wenig zusammenreißen, um nicht ausfallend zu werden, wenn direkt vor meinem Toastbrot jemand sein zerknittertes T-Shirt, Marke “Dich-krieg-ich-auch-noch-in-den-Rucksack-geknüddelt”, lupft, den behaarten und nackten Schmerbauch freilegt und sich gemütlich an was-auch-immer kratzt.
Hostel-Frühstücksraum-Gäste sind immer sehr hungrig - klar, bei den wahnsinnig aufregenden und stets mit dem Attribut “awesome!” dekorierten Erlebnissen kann man auch schon mal drei Creme-Cheese-Bagel mit doppelt Erdnussbutter verputzen (ich vergaß die Familienportion Müsli in der salatbottichartigen Schüssel vorweg) und noch drei Cranberry-Muffins “für später” in eine Serviette knüddeln. Mjam.
Und wir? Wir sind die, die vorher geduscht haben, die Anti-Wrinkle-Light-Tagescreme ins Gesicht gecremt haben und ein frisches T-Shirt anhaben. Voll spießig. Und dann sind wir die, die mit dem feuchten Schwämmchen vorher noch die Matschepampe aus O-Saft, Muffin-Krümeln und Butterkleksen im Tee-See von unserem Tisch gewischt haben.
Und wir sind die, die ihr getrost “Omma” nennen dürft.