Weil ich gerade meinte, dass Männer (mit den üblichen - Väter, Brüder, Patenönkel - Ausnahmen) unnützes Zeug sind, eignete sich jetzt am besten die Flucht nach vorn, besser: die Flucht nach “weg!”, in diesem Fall: Der Flug nach Vancouver auch wenn man sich schon auf dem Hinflug unendlich ärgert, dass man nicht länger bleiben kann, weil das Ticket ein Spezialticket ohne Umbuchungsoption ist und der Grund für die verfrühte Rückkehr sich mittlerweile in Wohlgefallen (oder besser das Gegenteil von Wohlgefallen) aufgelöst hat.

Denn Vancouver, das wissen alle, die schon mal da waren, und der Economist auch, ist eine der lebenswertesten Städte der Welt - und alljährlich am ersten Sonntag im Mai wird hier Marathon gelaufen. Und weil die beste formerly known as Reisefreundin der Welt, now known as beste Marathonreisefreundin der Welt - aus Gründen - beschlossen hatte, dass am Rand stehen und anfeuern gut und schön, mitlaufen und finishen wollen aber güter und schöner ist, meldeten wir uns eben beide an und verteidigten diese Reise mit Zähnen und Klauen gegen alles und jeden. Nagel, Kopf, und zack, haste “Confirmation of Registration” in der E-Mail-Betreffzeile im Postfach und der BMO Vancouver Marathon will dich dabei haben!
Ist auch viel schöner zu zweit, so eine Prä-Halbmarathonphase. Kann man in aller Ruhe tagelang und auf Grundlage einer Quasi-Standleitung auf die Homepage des staatlichen Wetterdienstes diskutieren, was man anzieht: Zwei lange Lagen? Eine kurze, eine lange drüber? Jacke? Abknüpfbare Ärmel? Krempeltaktik? Oder über all dem Kopfzerbrechen resignieren und nackt laufen?
Zu zweit macht auch das Tapern (von dem wir noch immer keine adäquate Übersetzung haben, was wir uns aber selbst sehr genau definiert haben; für uns heißt es so was wie “Sich schonen auf Teufel-komm-raus”) auch viel mehr Vergnügen. Man kann den Vortag des race days schon damit verbringen, im Müßiggang durch die Stadt zu schlendern und danach stundenlang mit einem To-Go-Becher aus dem Starbucks auf einer Bank am Coal Harbour zu sitzen und den vorüberjoggenden Menschen mit tadelndem Blick hinterhersehen, den Kopf schütteln und rufen: “Hey, ihr müsst doch tapern! So wird das nichts mit den 2 Stunden 30 auf der kompletten Distanz!” (derweil analysiert man deren Bekleidung und gleicht die Outfitauswahl ab mit den eigenen Überlegungen, siehe vorhergehender Absatz). 
Tapern heißt auch, im Vancouver Aquarium der reizenden Mitarbeiterin Paula, die die Delfin- und Wal-Shows moderierend und erklärend begleitet und uns mehrfach dazu auffordert, den schönen Tag zu loben (”Cause this is not exactly what Vancouver weather usually means!”) und unsere gute Laune hinauszurufen (”How’s everybody? Can’t hear you! Is that all you’re giving to me on this beautiful day?”), gleich mehrfach bei ihrem überaus wissenswerten Vortrag über die Ernährungsgewohnheiten der Orcas und die Cleverness des Delfins Hannah im Vancouver-Aquarium-Outdoor-Pool zuzuhören, dabei die Nase in die not-exactly-vancouverian-Sonne zu halten und abends über deren Röte zu kichern. Zwischendurch, während Paula pausiert, kann man sich angrinsen und die Schultern zucken und sagen: “Wir würden sonst nicht so lange und so treibenlassend hier am Orca-Becken abhängen - aber wir müssen eben tapern!”
Gegen Abend tapert man raus aus dem Stanley Park und besucht das Luxy Café, das wir zu unserem persönlichen Carbo-Loading-Place-to-be auserkoren haben und macht sich über einer schier unbewältigbar erscheinenden Menge an Nudeln mit Tomatensauce über die am Nebentisch sitzenden und sich wie Hostel-Bewohner benehmenden und ebenfalls carboloadenden Gäste lustig. Allerdings ist die hosteltypische “Ich muss dringend total viele coole Leute von International kennen lernen!”-Manier, die sich in “Woher kommst du, wie lang bleibst du, was ist ein must see?” Bahn bricht, hier eher so ein “Wo bist du zuletzt gelaufen, wie lang willst du für die 42K brauchen, was muss man über die Zeitmessungsmatten/die Dixie-Klo-Frequenz am Wegesrand/die Qualität des PowerGel-Caterings wissen?”
Und dann kommt der lange entgegengetaperte race day, man hat sich genau für den richtigen zwei-long-layer-Look entschieden, der Schlaf war gut und tief, den Zeitchip hat man unter Opferung mehrerer abgeschnürter Finger richtig installiert, im Zelt beim gear bag-Abgeben (schließlich will man direkt nach Zieleinlauf in die Welt hinaustwittern, facebooken, SMSsen und Anrufen; braucht also dringend sein Mobiltelefon) hat man noch ein wenig small-pre-race-talk mit dem lässigen Mitläufer (”Ich laufe nur die halbe Strecke hier. Letzte Woche bin ich in London die volle Distanz gelaufen. Und Barcelona im März - hey, da hat’s doch tatsächlich geschneit!” - Ergriffenes und beifälliges Staunen unsererseits…) gehalten, und die letzten Worte der besten Marathonreisefreundin sind: “Herrje. Meine Haare liegen gar nicht.” (Und das, wo wir extra noch Haarbänder mit der Aufschrift “Live, laugh, run” bzw. “I run for chocolate” gekauft haben!) Kurz danach haut sie einem Mann auf den Po - unabsichtlich, natürlich - und wir zeigen den pace bunnies eine lange Nase und rennen des Weges. Regen setzt ein, egal, wir weinen sowieso dauernd, weil so viele laut T-Shirt-Aufschrift für cancer-kranke Angehörige oder away-gepasste Mom and Dads laufen.
Und so passieren wir den gefürchteten Prospect Point im Stanley Park (von Meeres- auf ein elevation level von 60 Metern!) und finden ihn halb so schlimm, wir laufen an den ganzen Streckenposten vorbei, deren “You are doing well! You look amazing! Yeeees! Today’s the day when all the training pays off!” uns noch lange in den Ohren klingt. 
Und dann - nanu?! - sind wir schon bei Kilometer 18, 19, 20, jetzt packen wir den Rest auch noch, der Regen regnet, Vancouver feuert, die Schuhe are made for running, not for walking, und überhaupt: Jogging sucks, go running! Das BC Place Stadium vor der Nase, die Finishing-Zone vor Augen, die Kondition in jeder Muskelfaser - und dann stehen wir da, lassen uns Medaille, Wärmeplastikplane umhängen, fallen uns in die Arme, schauen ungläubig auf die Zeit - und der Rest ist breites Grinsen, Adrenalin, Durst, Siegesgewissheit.
Und vor allem das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.
(Übrigens: Auf dem sechsten von acht Fotos, die die Vancouver Sun online gestellt hat, sind wir zu sehen - mittig unten, in Pink und Blau, ungefähr da, wo in der Bildzeile “Vancouver Marathon” steht.)